30. Konzert des Neuburger
Kammerorchesters
Samstag, den 21. März 2026, 20 Uhr, Kongregationssaal
Arvo Pärt Silouans Song
Benjamin Britten Sentimental Saraband
aus der Simple Symphonie Op.3
Joseph Haydn Symphonie D-Dur , Hob I/1
Presto
Andante
Finale
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Wolfgang Amadeus Mozart Klavierkonzert d-moll KV 466
Allegro
Romance
Rondo
Claire Huangci, Klavier
Leitung: Johannes Fiedler
Mit der Wahl des Klavierkonzerts d-moll KV 466 von W.A. Mozart als zentralem Werk
dieses Konzertabends kam mir die Idee, den Kontrast als wesentliche Gestaltungsprinzip
dieses ungewöhnlich dramatischen Werkes zum Leitfaden für die Gestaltung des
gesamten Programms zu machen und damit dem Publikum die Möglichkeit zu geben, zu
erleben, zu welcher Vielfalt an Ausdrucksformen dieses Gestaltungsprinzip beitragen
kann.
„Silouans Song“ des lettischen Komponisten Arvo Pärt (* 1935), der heute in Berlin
lebt, entstand 1991. Das Werk ist inspiriert von einem Gedicht des orthodoxen Mönches
Silouan, in dem er die Klage Adams über seine Trennung von Gott nach der Vertreibung
aus dem Paradies beschreibt. Pärt entwirft Klangflächen, die zunächst ziemlich statisch
wirken, innerlich aber durch den Wechsel von Konsonanz und Dissonanz bewegt sind
und die in ihrer geringen melodischen Bewegung und dynamischen Zurückhaltung ein
Gefühl der Leere und Verlorenheit erzeugen. Ein plötzlicher dynamischer Ausbruch
jedoch lässt tiefe Erschütterung und Verzweiflung erleben, die sich zwar wieder beruhigt,
aber in einem resignativen Motiv endet. In der Begründung zur Verleihung des
internationalen Brückepreises heißt es: „Sein Werk macht das menschliche
Grundbedürfnis nach einer Verbindung von Ästhetik, Ethik und Spiritualität, die in unserer
säkularisierten Gesellschaft so oft der Politik und der Ökonomie untergeordnet werden,
deutlich und erlebbar“ und man könnte vielleicht ergänzend hinzufügen: In unserer Zeit
der narzisstischen Hybris, der materiellen Gier und der fortschreitenden Vernichtung
unserer Lebensgrundlagen ist ein guter Teil der Menschheit leider weit davon entfernt,
die Trennung von einem ethisch orientierten Lebenswandel als schmerzlich zu
empfinden.
Die Komposition „Sentimental Sarabande“ des englischen Komponisten Benjamin
Britten (1913-1976) steht, kompositorisch gesehen, hauptsächlich in einem strukturellen
Kontrast zu Pärts Werk, wobei das Adjektiv „sentimental“ sicher nicht im abwertenden
Sinn verstanden werden darf. Im Gegensatz zu Pärts Werk dominiert anfangs die nahezu
pathetisch schmerzvolle Melodie des ersten Themas, die später von dem tröstlich
wirkenden, leicht schwingenden zweiten Thema kontrastierend abgelöst wird. Doch der
erste Gedanke kommt wieder, plötzlich, intensiver, mit ungeahnter Wucht und längerer
Dauer. Schließlich verliert auch dieser Ausbruch an Kraft und mündet wieder in die
Melodienseligkeit des zweiten Themas, die den Hörer in dem Gefühl eines
wiedergewonnen Trostes zurücklässt.
Der Kontrast zur 1. Symphonie Haydns (1732-1809) könnte kaum größer sein, weil sie
vor einem ganz anderen Hintergrund und zu einem anderen Zweck geschrieben wurde.
Steht in Brittens Musik der intensive Ausdruck höchster Individualität im Vordergrund, ist
Haydns 1. Symphonie zur anspruchsvollen Unterhaltung einer adeligen Gesellschaft
komponiert, für deren reibungsloses Funktionieren „Contenance“ eingefordert wurde.
Joseph Haydn hatte 1757 soeben seine Anstellung bei dem jungen, lebenslustigen und
verschwenderischen Grafen Morzin in Pilsen angetreten, der nach seiner Hochzeit 1760
leider bankrott war und seine Hofkapelle auflösen musste. Weil eine Symphonie häufig
zu festlichen Anlässen gespielt wurde, musste sie bestimmten Ansprüchen genügen:
schwungvoll, energiegeladen, elegant, raffiniert und abwechslungsreich mit vielfältigen
Motiven spielend, mit aufmunterndem Charakter, so der 1.Satz. Der 2. Satz in
langsamem Tempo, eher beschaulich, gemütlich, höchstens in Ansätzen nachdenklich,
also kein Kontrast, der die Emotionen der Hörer beeinträchtigen oder gar aufwühlen
könnte. Und der 3. Satz? Ein munter auftrumpfendes, freudestrahlendes, tänzerisches
Rondo, bei dem das im Durdreiklang aufstrebende Kopfmotiv des Refrains die gute
Laune immer wieder bestätigt. Beste Unterhaltungskunst eines 25-Jährigen im positiven
Sinne also.
Mozarts (1756-1791) Klavierkonzert bildet dazu wiederum einen stehenden Kontrast.
Wolfgang Amadeus Mozart hatte sich ja schon als Heranwachsender in den Diensten
des Salzburger Bischofs Colloredo gegen die Rolle eines bloßen Unterhaltungsmusikers,
der den Erwartungen seines Dienstherrn zu entsprechen hatte, gewehrt, und so war es für
ihn befreiend, dass er 1785, im Entstehungsjahr dieses Konzerts, unter ganz anderen
Bedingungen komponieren konnte. Er war bereits vier Jahre freischaffender Musiker in
Wien und sein Publikum war nicht nur adeliger Herkunft, sondern stammte auch aus dem
wohlhabenden Bürgertum, das der Individualität des Künstlers wesentlich mehr Raum
zugestand.
Der 1.Satz, beginnend mit unruhig pulsierenden Synkopen und einem sich ständig
wiederholenden Triolenmotiv im Bass, vermittelt das Gefühl düsterer Bedrohung, und
auch die gesamte spannungsgeladene Orchestereinleitung lässt nur wenig Raum für
thematisch aufgehellte Passagen. Das Soloklavier, das mit einem Monolog ungelöster
Fragen beginnt, fällt ebenfalls wieder zurück in den spannungsreich düsteren und
innerlich aufgewühlten Gestus des Anfangs. Allein der motivische Komplex um das etwas
melodische zweite Thema, wo das Soloinstrument mit dem Orchester dialogisiert,
entspannt kurzzeitig die dramatische Szene. Der ganze Satz löst die inneren Konflikte
nie wirklich auf und Beethoven, der dieses Konzert öfter selbst aufführte, verstärkt in
seiner Kadenz das melodisch zart Empfundene des 2. Themas, kontrastiert dazu das
1. Thema in einer nahezu bizarren Schlusssteigerung und gestaltet dadurch den
spannungsmäßigen Höhepunkt dieses Satzes.
Der 2. Satz ist mit Romance überschrieben und bildet in seiner liedhaften, harmlos
liebenswürdigen Thematik einen entspannenden Gegensatz zum 1.Satz. Doch kaum ist
diese zum Nachträumen verleitende Melodie verklungen, bricht sich geradezu
schockartig eine aufgewühlte, dramatische Moll-Stimmung mit rauschenden
Sechzehntelkaskaden im Klavier erneut Bahn. Erst zum Ende des Satzes erklingt
wiederum das Anfangsthema und der Sturm scheint vorübergezogen zu sein.
Das Schlussrondo belehrt uns jedoch eines anderen. Aufbrausend, wütend und an
entscheidenden Melodiehöhepunkten mit schneidenden Dissonanzen versehen,
„reagiert“ die Stimme des Soloklaviers auf das bisherige emotionale Geschehen. Das
Orchester verstärkt diese Emotion einerseits durch seine klangliche Wucht, andererseits
durch die hektischen „Wortwechsel“ mit kurzen Motiven mit dem Soloinstrument,
vergleichbar einem Streit zweier Antipoden. Nach der Kadenz erklingt nochmal verkürzt
das 1.Thema und endet mit einer wütend gestellten Frage in einer schneidenden
Dissonanz. Was danach geschieht, kann in seiner verblüffenden Kontrastwirkung
schwerlich übertroffen werden. Mozart belässt den Hörer nicht in den vorher aufgebauten
Spannungen, sondern löst sie am Ende durch die Durwendung eines Coupletthemas in
einer heiterquirligen Coda auf, was nahezu körperlich zu spüren ist, sodass man als
Hörer entspannt einen turbulenten Konzertabend verlassen kann, vielleicht, um sich noch
bei einem Glas Wein etwas nachdenklich zurückzulehnen.
Johannes Fiedler
Claire Huangci, 1990 in Rochester USA geboren, ist die Tochter amerikanischer Eltern
chinesischer Abstammung. Zu ihrem sechsten Geburtstag bekam sie von Ihren Eltern
einen Flügel, erhielt regelmäßigen Klavierunterricht und gab bereits im Alter von 9 Jahren
ihr erstes öffentliches Konzert. Von 2003 bis 2007 studierte sie am Curtis Institute of
Music in Philadelphia unter Eleanor Sokoloff und Gary Graffman und beschloss dann,
von 2007 bis 2016 an der Hochschule für Musik in Hannover bei Arie Vardi Unterricht zu
nehmen. 2018 gewann sie den Concours Géza Anda in Zürich. Sie lebt mit ihrer Familie
in Frankfurt und gastiert im In- und Ausland als gefragte Pianistin mit großem Repertoire.
Ihre Konzertreisen führten sie u.a. nach Japan, China, in die USA. Sie spielte mit
Orchestern wie dem Mozarteumorchester Salzburg, dem Radio-Sinfonieorchester
Stuttgart und dem Moskauer Radiosymphonieorchester. Außerdem trat sie bei Festivals
wie dem Kissinger Sommer, dem Verbier Festival in der Schweiz, dem Menuhin Festival
Gstaad, dem Schleswig-Holstein Musik Festival und den Schwetzinger Festspielen auf.
Seit 2013 tritt sie auch durch zahlreiche CD-Aufnahmen als künstlerische Ausnahme-
begabung in Erscheinung.