31. Konzert des Neuburger
Kammerorchesters
Samstag, den 17. April 2027, 20 Uhr, Kongregationssaal
Johann Sebastian Bach Ouvertüre Nr. 3 D-Dur BWV 1068
Ouvertüre
Air
Gavotte I
Gavotte II
Bourée
Gigue
Franz Schubert Rosamunde Entreact 3 D 797
Andantino
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Ludwig van Beethoven Klavierkonzert Nr. 3, c-moll Op. 37
Allegro con brio
Largo
Rondo Allegro
Claire Huangci, Klavier
Leitung: Johannes Fiedler
Wann Johann Sebastian Bach (1685-1750) die Ouvertürensuite Nr.3 in D-Dur komponierte, ist nicht genau festzulegen, man weiß jedoch, dass sie zwischen 1717 und 1736 entstanden sein muss. Die Suite, eine Abfolge von höfischen Tänzen, die die verschiedenen europäischen Länder repräsentieren, war damals als volksmusikalisch beeinflusste, abwechslungsreiche und kurzweilig unterhaltende Gesellschaftskunst sehr beliebt. Bach übernahm natürlich die für die Tänze üblichen Taktarten und rhythmischen Muster, verlieh aber gerade der 3.Suite durch die Instrumentation ein sehr festlich repräsentatives Gepräge, was eher für ihre Entstehung am Cöthener Hof spricht. Die Ouvertüre präsentiert mit 3 Trompeten, kraftvollen Paukenschlägen und punktierten Rhythmen mäjestätisch die weltliche Macht des Fürsten in barocker Klangsymbolik, den fugierten Mittelteil gestaltet Bach nach dem Vorbild der Ouvertüren J.B.Lullys, dem Hofkapellmeister Ludwigs XIV. Außergewöhnlich jedoch sind die Passagen für Solovioline, die dem Satz einen konzertanten Charakter verleihen. Der wohl bekannteste Satz der Suite ist die Air, eine innige, sehr ausdrucksvolle Musik, die ihre Klangsinnlichkeit nicht nur aus der melodischen Erfindung, sondern auch aus dem polyphonen Gewebe der drei Oberstimmen bezieht. Die anderen schwungvollen oder wuchtig auftrumpfenden Sätze Gavotte, Bourée und Gigue stammen ihrem Charakter nach ursprünglich aus dem bäuerlichen Umfeld und es soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass damals viele Fürsten die Lebensumstände der bäuerlichen Bevölkerung, die von ihnen selbst am meisten geknechtet und ausgebeutet wurde, idealisiert wurden und deren Musik im Sinne „zurück zur Natur“, zum „einfachen Leben“ in verfeinerter Form zur angenehmen Unterhaltung bei ihren repräsentativen Festen diente.
Während der am Hof angestellte J. S. Bach seinen subjektiven Ausdruckswillen und seine kompositorischen Kunstfertigkeiten im Falle der 3. Orchestersuite noch in ein höfisches Gewand kleiden musste, war der freischaffende Komponist Franz Schubert (1797-1828) nicht mehr zur „Verkleidung“ seiner Musik verpflichtet und stellte seinen individuellen künstlerischen Gestaltungswillen in den Vordergrund, mit allen Konsequenzen, die sich daraus ergaben. So ist es vielleicht zu erklären, dass er, seinem persönlichen Charakter entsprechend, den großen theatralischen Gesten und ihrem Pathos nicht so viel Gewicht beimaß und so auf dem Gebiet der Oper leider nur wenig Erfolg hatte. Seine Oper „Rosamunde“ wurde nur zweimal gegeben, das einfach liedhafte Thema der Zwischenaktmusik Nr. 3 jedoch verwendete Schubert in seinem späten von der damaligen Kritik gerühmten Streichquartett a-moll im 2. Satz als Variationsthema, also für Kammermusik abseits der großen Bühne.
Ludwig van Beethoven (1770-1827) bewertete sein 3. Klavierkonzert c-moll op. 37, an dem er von 1797 bis 1800 arbeitete, höher als seine beiden ersten, seine Zeitgenossen jedoch äußerten sich zunehmend kritisch über seine Werke und gegenseitige Missverständnisse häuften sich. So urteilt Grillparzer ganz im Sinne der klassischen Ästhetik: Bei Beethovens Musik „... leidet die Richtigkeit des Ohres unter seinen gewagten Zusammensetzungen", und es „...substituiert die Vorliebe für den Schönheitssinn immer mehr den Sinn für das Interessante, Starke, Erschütternde, Trunkenmachende - ein Tausch, bei dem gerade die Musik am übelsten fährt." Versucht man nun, Grillparzers Kritik ernst zu nehmen, so findet man auch in diesem Klavierkonzert seine Beobachtungen teilweise bestätigt.
Interessant ist z.B., dass das 1.Thema, die kraftvolle unerschütterliche These des 1.Satzes, in der Durchführung durch Motivabspaltung und im Dialog mit anderen Motiven zunächst erstaunliche emotionale Wandlungsfähigkeit gewinnt. Dadurch verliert es aber seine Unbeirrbarkeit und löst sich durch seinen Zerfall in kleinste Einheiten schließlich als These völlig auf. Ist dies nicht die Umsetzung unserer Lebenswirklichkeit, in der sich alles Bestehende irgendwann auflöst, in musikalische Strukturen?
Befremdet haben den damaligen Hörer sicher die „gewagten Zusammensetzungen“ des 3.Satzes. Schon der Septsprung im 1.Thema dieses vitalen Rondos mag dazugehört haben, zumal sich die daraus resultierende dramatische Spannung auf den ganzen Satz überträgt. Das Hin und Her der verschiedensten Stimmungen gipfelt am Ende in einem völlig unerwarteten Wechsel des Rondothemas nach E-Dur, wodurch sich sein etwas grimmig-humorvoller Charakter ins Zärtlich-Lächelnde wendet. Zu einem wirklich berauschenden Schlusstaumel gerät die Stretta am Ende dieses Satzes, die flüchtig frech noch einmal auf das Rondothema anspielt, die dramatischen Spannungen des Satzes in witziger Weise auflöst und damit ein typisches Beispiel für Beethovens musikalischen Humor darstellt.
Der 2.Satz mit seinem lyrischen Klavierpart und seinem friedvollen Streicherthema hat vielleicht am ehesten den Vorstellungen des damaligen Publikums vom Musikalisch-Schönen entsprochen und die „Leiden des Ohres“ gemildert. Das Missverständnis zwischen Beethoven und seinem Publikum lag jedoch sicher manchmal in den falschen gegenseitigen Erwartungen, denn für Beethoven war Musik nicht in erster Linie dazu da, angenehm unterhaltend auf den Hörer zu wirken. Musik war für ihn „so recht die Vermittlung des geistigen Lebens zum sinnlichen", wie subjektiv und bewegt dieses geistige Leben auch immer sein mochte.
Johannes Fiedler
Claire Huangci, 1990 in Rochester USA geboren, ist die Tochter amerikanischer Eltern
chinesischer Abstammung. Zu ihrem sechsten Geburtstag bekam sie von Ihren Eltern
einen Flügel, erhielt regelmäßigen Klavierunterricht und gab bereits im Alter von 9 Jahren
ihr erstes öffentliches Konzert. Von 2003 bis 2007 studierte sie am Curtis Institute of
Music in Philadelphia unter Eleanor Sokoloff und Gary Graffman und beschloss dann,
von 2007 bis 2016 an der Hochschule für Musik in Hannover bei Arie Vardi Unterricht zu
nehmen. 2018 gewann sie den Concours Géza Anda in Zürich. Sie lebt mit ihrer Familie
in Frankfurt und gastiert im In- und Ausland als gefragte Pianistin mit großem Repertoire.
Ihre Konzertreisen führten sie u.a. nach Japan, China, in die USA. Sie spielte mit
Orchestern wie dem Mozarteumorchester Salzburg, dem Radio-Sinfonieorchester
Stuttgart und dem Moskauer Radiosymphonieorchester. Außerdem trat sie bei Festivals
wie dem Kissinger Sommer, dem Verbier Festival in der Schweiz, dem Menuhin Festival
Gstaad, dem Schleswig-Holstein Musik Festival und den Schwetzinger Festspielen auf.
Seit 2013 tritt sie auch durch zahlreiche CD-Aufnahmen als künstlerische Ausnahme-
begabung in Erscheinung.